Teil 2: Wenn jeder Tropfen zählt
Wie eine Landwirtin ihren Hof durch den Dürresommer im Weinviertel bringt
![20260819_164639[1] (1)](https://www.perspektive-landwirtschaft.at/wp-content/uploads/2026/08/20260819_1646391-1-300x225.jpg)
Die Dürre hat uns voll im Griff
Leider haben die große Hitze und Trockenheit des heurigen Jahres gezeigt, wie anfällig unser junges System am Hof noch ist, und wie herausfordernd in Jahren wie diesem, frisch gepflanzte Dauerkulturen über so einen Sommer zu retten.
Der Backofen um uns: Ein großer Teil unserer Flächen liegt derzeit eingebettet in eine riesige Wüste. Uns umgeben viele km² abgeerntete Getreidefelder, auf denen seit dem Dreschen Ende Juni nichts mehr wächst und die Sonne auf den nackten Boden brennt. Auf Wärmebild-Satellitenaufnahmen sieht man gut, dass es neben den versiegelten Flächen und städtischen Hitzepolen vor allem diese großen zusammenhängenden Ackerflächen sind, die jetzt die meiste Hitze ausstrahlen und die Landschaft zusätzlich aufheizen. Heuer konnte die Gründüngung nach der Getreideernte aufgrund der Trockenheit nicht keimen und so blieben die Flächen brach – der Austrocknung schutzlos ausgesetzt. Eine besondere Lehre war es mir auch, als ich selbst mit dem Laserthermometer ausrückte, um Oberflächentemperaturen an einem Hitzetag zu messen und feststellte, wie groß die Unterscheide waren zwischen mit Vegetation oder Mulch bedecken Flächen und solchen ohne:
50°C – der nackte Boden auf einem Acker,
44°C – nackter Gartenboden im Gemüsegarten
35°C – Boden unter einer Sonnenblumenkultur,
32°C – Boden einer Wiese unter dichter, vertrockneter Vegetation
42°C – an der Oberfläche der Heumulchschicht auf einem Gemüsebeet
28°C – an derselben Stelle unter dem Mulch des Gemüsebeetes
28°C – bei den Steinen am Teichufer
![20260815_103621[1] (1)](https://www.perspektive-landwirtschaft.at/wp-content/uploads/2026/08/20260815_1036211-1-300x225.jpg)
Unsere im Laufe der letzten 3 Jahre gepflanzten Bäume und Sträucher kämpfen sehr damit, diese Extremsituation zu überstehen. Sie werfen teilweise ihre Blätter ab und müssen – so gut eben möglich – bewässert werden. Wir hoffen, viele von ihnen retten zu können.
Auch in den Hecken und Wäldern der Ortschaften im Wein- und Waldviertel sieht vieles traurig aus – Bäume vertrocknen und das dürre Laub säumt teils jetzt schon die Wege. Der Ökologe Franz Essl warnte vor wenigen Tagen vor einer veritablen Waldkrise – die Schäden könnten beträchtlich sein, wenn nicht bald ausreichend Regen fällt, durch den sich die Bäume über den Winter wieder erholen können.
![20260817_142027[1] (1)](https://www.perspektive-landwirtschaft.at/wp-content/uploads/2026/08/20260817_1420271-1-300x225.jpg)
Auch für die ausgetrockneten Böden und das Bodenleben könnte die Dürre langfristige Folgen haben. Die dynamische Gemeinschaft aus Bodenmikroorganismen kann durch die bis zu 60°C auf vielen Ackerböden stark gestört werden und die Fähigkeit der Böden, Humus aufzubauen und Wasser zu speichern, in naher Zukunft reduzieren.
Unsere Obstbäume haben zum größten Teil ihre Früchte abgeworfen, denn sie schaffen es nicht mehr, sie zu kühlen. Ein Selbstschutzmechanismus der Bäume, über den wir gerade froh sind, weil er ihre Überlebenschancen erhöht, aber gleichzeitig auch traurig macht, denn das Obst ist eine wichtige Ernte für uns.
Die Obstbäume leiden auch sehr unter dem Verbiss durch Mäuse, die damit begonnen haben Baumstämme zu ringeln. Auch die Mäuse bekommen jetzt Panik und fressen im Überlebenskampf alles, was sie sonst verschmäht haben.
Aus jetziger Sicht ist gut 90% unserer Gemüseernte verloren, die Pflanzen sind klein und schwach und konnten sich im heißen trockenen Wüstenwind schwer weiterentwickeln. Zusätzlich haben auch hier die Mäuse fleißig zugeschlagen.
Von unserer Wiese haben wir heuer viel zu wenig Mulch geerntet und der im Frühling gemähte Bereich ist jetzt so ausgetrocknet, dass wir befürchten, die Wiese neu ansäen zu müssen. Wir beobachten zu Staub oder absolut harten Platten ausgetrockneten Boden, auf dem kein Grashalm mehr grün ist.
Auch die sonst so allgegenwärtigen Wildpflanzen fehlen. Alles, was nicht bewässert wird, ist vertrocknet, – heuer gibt es keine Brennnessel, Spitzwegerich, Schafgarbe … alles hat sich mit braunen Blättern zurückgezogen und harrt auf Regen, um wieder auszutreiben. Wir freuen uns aber über einige Disteln, die als letzte Nektarspenderinnen relativ unbeeindruckt dastehen.
Auch für die Schafe reicht heuer die Weide nicht. Glücklicherweise sind sie bei einer Freundin untergekommen, die gut beschattete Flächen unter alten Obstbäumen hat, wo die Tiere noch Futter und kühlere Rastplätze finden. Aber auch sie muss regelmäßig neue Weideflächen erschließen und zäunen und ihre jungen Obstbäume vor Verbiss schützen.
Unsere Enten und Hühner leiden, sie verstecken sich den ganzen Tag unter den wenigen Bäumen, die noch grün sind. Die normalerweise fleißigen Futtersucherinnen, die auch Mäuse nicht verschmähen, finden nirgendwo Grünzeug und Schnecken. Eine Henne hat sich aber auf Heuschrecken spezialisiert und jagt ihnen hechelnd nach. Wir bringen ihnen mehrmals täglich frisches Wasser, füttern sie zusätzlich, befeuchten den Boden des Auslaufes und gießen die Bäume, die Schatten auf die Geflügelställe werfen.
Die Regenwasser-Zisterne ist mittlerweile leer, wir nutzen den Brunnen und versuchen, das wertvolle Wasser trotzdem sparsam einzusetzen und vor allem die Pflanzen zu bewässern, die besonders wichtig sind. Wir haben unsere Arbeit Großteils in die Nacht und Dämmerungsstunden verlegt, wo wir Wasser leidende zukünftige Schattenbäume notbewässern. Wir gießen nachts, weil uns die Hitze schon sehr zugesetzt hat und auch die Pflanzen das Wasser in der Nacht besser aufnehmen können. Aber wir können niemals so viel gießen, wie es eigentlich regnen müsste.
Wir gießen hauptsächlich händisch, bringen Wasser in Tanks zur Streuobstwiese und verteilen es dann teils mit dem Schlauch, teils mit der Gießkanne – nur punktuell, dazwischen ist Wüste. Für die hofnahen Wildsträucherhecken haben wir seit kurzem eine Tröpfchenbewässerung.
Wegen dem Gießaufwand haben sich andere Arbeiten verzögert, die im Sommer erledigt werden sollten – die Kräutervermehrung für das kommende Frühjahr zum Beispiel, die Fertigstellung der Trockensteinmauern, die Produktion von Sirupen für den Verkauf, die Planung weiterführender Projekte und natürlich ist auch die Erholung zu kurz gekommen.
Der Lichtblick ist unser großer Regenwasserspeicherteich, der trotz tief liegendem Wasserpegel als wichtige Wasserquelle und Lebensraum für Wildtiere funktioniert und mit seinen blühenden Seerosen wie eine Oase in der Wüste auftritt und natürlich der kleinere Regenwasserspeicherteich, der den Enten ihre verdiente Abkühlung bietet.
An den Teichen begegnen wir Schwalben, Krähen, Bachstelzen, Fröschen, Ringelnattern und vor allem vielen Insekten, die zum Trinken kommen. Hasen, Igel, Fledermäuse und Eulen tummeln sich dort in der Nacht. Und das noch immer kühle Wasser des im vollen Zustand fast drei-ein-halb Meter tiefen Teiches erfrischt auch uns selbst und gibt uns Zuversicht.
![20260820_121617[1]](https://www.perspektive-landwirtschaft.at/wp-content/uploads/2026/08/20260820_1216171-300x225.jpg)

Wir fragen uns
Wie wird das weitergehen? Ja, irgendwann wird es regnen, aber wie viele irreversible Schäden sind schon entstanden? Im Boden, den Mikroorganismengemeinschaften, in den Pflanzengemeinschaften der Wälder und Wiesen, bei den sowie schon geschwächten Populationen vieler Wildtiere?
Wie sollen wir mit dieser Erfahrung umgehen, die von vielen beschrieben wird mit „Sowas haben wir noch nie erlebt“? Die Prognosen sind eindeutig, das wird immer häufiger vorkommen, und natürlich haben wir uns das alles selbst eingebrockt, als Gesellschaft.
Aber was heißt das für uns und unsere landwirtschaftlichen Betriebe? Wie stellen wir sie in Zukunft und mit dieser Erfahrung auf? Welche Betriebszweige erweisen sich als robuster als andere? Wo ist die Anfälligkeit groß? Wie können wir Risiken minimieren? Welche Ressource ist besonders limitierend und haben wir genug Backups, wenn diese knapper wird als erwartet? An welchen Stellschrauben können wir drehen, um unsere Betriebe resilienter und robuster gegenüber Ereignissen wie Dürre, Hitze, Erosion, Starkregen, usw. aufzustellen?
Was wir daraus lernen
Seit wir unseren Betrieb hier im Weinviertel neu aufbauen, waren diese Fragen immer unsere Eckpfeiler. Wir haben uns in einer der trockensten Regionen Österreichs niedergelassen, auch in der sogenannten Kornkammer Österreichs, die regelmäßig massive Ernteeinbußen erlebt, da liegt es auf der Hand, sich vieles zu überlegen. Auch wenn wir heuer einen drastischen Rückschlag sehen, sind wir froh, dass wir mit der Betriebsneugründung auch die Chance auf einen Neubeginn hatten.
Was wir lernen ist einerseits, ja eh – dass es besser gewesen wäre schon vor vielen Jahren anzufangen – mit den Hecken, dem Agroforst, der Renaturierung von Flüssen, dann wäre es höchstwahrscheinlich heuer nicht so dramatisch gewesen.
Aber jetzt ist jetzt und wir machen weiter. Wir brauchen eigentlich überall hier in der Gegend Agroforstsysteme. Auf den jetzigen Ackerflächen. Mit Bäumen, die zur zusätzlichen Wertschöpfung der Fläche beitragen, die Ackerkulturen schützen und neuen Ertrag liefern, z.B. durch Obst, Nüsse oder Wertholz. Der Selbstversorgungsgrad Österreichs bei Obst liegt laut Grünem Bericht 2025 bei nur 20%, da gibt’s ja Bedarf.
Wir brauchen Hecken, die die Landschaft strukturieren, den Wind brechen, die Wasseraufnahme ermöglichen, wir brauchen kleinstrukturierte Agrarräume, in denen sich auch wieder jemand aufhalten und sich wohlfühlen kann – Tiere, Pflanzen und Menschen – und Lebensraum finden. Und wir müssen dem Regenwasser ermöglichen effektiver ins Grundwasser einzusickern.
Und natürlich brauchen wir angepasste Sorten, trockenheitsresistente Kulturen, – durch die regionale Vermehrung samenfester robuster Sorten, die sich an die neuen Bedingungen anpassen und mit den Herausforderungen mitwachsen können.
Was wir ändern werden
Wenn jetzt hoffentlich irgendwann einmal Regen kommt, es muss ja einmal passieren, haben wir neben dem Aufatmen endlich Zeit uns tiefer mit der Umgestaltung, bzw. Optimierung zu beschäftigen. Das war ein Vorgeschmack, auf den wir uns zwar versucht haben vorzubereiten, aber wir haben gesehen, dass es so noch nicht reicht. Wir brauchen Systeme, die noch robuster und standortsangepasster sind, da kann ein Mehr an Bewässerung nur eine Notfallmaßnahme bleiben.
Die absolut Harten kommen in den Garten. Es gibt auch heuer Pflanzen, die wirklich unbeeindruckt dastehen, ohne dass sie bewässert wurden. Sie kommen auf eine extra Merk-Liste, die Spezialkandidaten unter den Bäumen, Sträuchern, Kräutern, Gemüsepflanzen. Sie müssen ab sofort eine wichtige Hauptrolle übernehmen und verstärkt zum Einsatz kommen, um in Zukunft das System zu retten – und werden beim Nachpflanzen bevorzugt.
Noch mehr Speicher für Regenwasser zum Bewässern. Da die Niederschläge bei uns vermehrt in den Wintermonaten fallen und Sommergewitter häufig ausbleiben wollen wir noch mehr Wasser zur Bewässerung sammeln. Im September bauen wird deshalb unseren neuen Folientunnel mit Regenwassersammlung inkl. großen oberirdischen Speichergefäßen und einem weiteren Speicherteich.
Noch mehr Sickergräben an den Höhenlinien für eine verbesserte eigenständige Wasserversorgung unserer Obstbäume. Diesmal pflanzen wir zum Test eine dynamische Agroforstreihe direkt in den Graben.
Und es gibt so tolle Kurse und Weiterbildungsmöglichkeiten zu diesen Themen, die es sich zu nutzen lohnt. Wir werden uns weiterhin lernen, neudenken, nachjustieren….
Wo bleibt der Klimaschutz?
Es gibt sie also, die Möglichkeiten, positiv in die Zukunft zu schauen. Und es braucht uns Bäuerinnen und Bauern, die jetzt als Insider beobachten, planen und entscheiden, was wir in Zukunft anders machen müssen. Und die Politik, die die Rahmenbedingungen dafür schafft und dabei unterstützt, diese wesentlichen Schritte für Klimaschutz und Klimawandelanpassung auch zu tun.
Zum Abschluss noch ein paar Empfehlungen – eine Miniauswahl, denn es gibt so vieles. Was jetzt beim Schreiben dieses Artikels auf meinem Schreibtisch liegt, sind die Bücher von Ute Scheub/Stefan Schwarzer „Aufbäumen gegen die Dürre“ und Philipp Gerhard/Sassa Franke, „Langsames Wasser, kühlendes Grün“ die ich wunderbar spannend und inspirierend finde. Neben den Kursen von LFI und Co hat mich vor allem die Permakultur überzeugt, über die man bei der PIA – der Permakultur-Akademie im Alpenraum lernen kann. Und ich freue mich auch, wenn ihr Euch mein Buch über das Wassermanagement anschaut, in dem ich viele meiner Erfahrungen der letzten Jahre gesammelt habe – vom kleinen Garten bis zur Landwirtschaft. „Mit allen Wassern gewachsen“, heißt das Buch. Also mit allen Wassern, die übers Jahr im Boden und in der Pflanzenvielfalt gespeichert und im Kreislauf geführt werden und nicht als Starkregen über verdichtete Böden oberflächlich abrinnen – denn der Boden und das Grundwasser ist unser bester Wasserspeicher.

Mögen wir für die nächste Dürre besser vorbereitet sein!
Sigrid Drage, 20.08.2026


