Teil 1: Wenn jeder Tropfen zählt
Wie eine Landwirtin ihren Hof durch den Dürresommer im Weinviertel bringt

Liebe Grüße aus der Steppe vor den Toren Wiens! Diese Grußformel haben wir in Mails immer gern verwendet, seit wir, mein Partner Andreas Voglgruber und ich, uns Anfang 2023 mit unserem Biobetrieb Kraut & Leben im südlichen Weinviertel niedergelassen haben. Dass hier Wasser die zentrale Ressource ist, um die wir uns kümmern müssen, war uns von Anfang an klar und hat bisher all unsere betrieblichen Entscheidungen geleitet – aber das, was wir heuer erleben – Hitze und Dürre soweit das Auge reicht – pendelt unseren persönlichen Zustand zwischen arbeitsintensiven Krisenmodus und purer Verzweiflung ein. 140 Liter Regen konnte unser Regenmesser am Hof seit Jahresbeginn bis jetzt, Mitte August, dokumentieren. Bei durchschnittlichen Jahressummen um die 500 mm ist das beängstigend wenig. Was aber wirklich Angst macht, ist der Blick auf die Umgebung, auf die nahe – mit verdorrten Feldern und vertrockneten Ernten, auf Hecken und Baumgruppen, die sich wie im Herbst verfärben und ihre Blätter abwerfen, und vor allem auf die großräumige Situation -mit schwindenden Flüssen, Vermurungen, geschädigten Wäldern, verheerenden Bränden und Menschen und Tieren, die in Gefahr schweben. Und inmitten all dem, zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe, deren Bäuerinnen und Bauern sich fragen, ob und vor allem wie sie das überstehen können.
Mehr Wasser und mehr Strukturvielfalt – damit haben wir begonnen….
Unser Betrieb, die Permakultur-Landwirtschaft Kraut & Leben ist Teil eines Gemeinschaftshofes im Weinviertel, ein Ort an dem sich mehrere Betriebe wie die Demeter-Imkerei Apis-Z, die Baumschule Wilder Sämling, die Pilzzucht Myzitant und unsere Bio-Landwirtschaft mit Jungpflanzen, Streuobst und Gemüse zusammengefunden haben, um einen stillgelegten Bauernhof wiederzubeleben.
Der Hof liegt inmitten einer intensiv-landwirtschaftlich und industriell geprägten Ortschaft mit großflächigen Monokulturäckern und wurde lange ebenso bewirtschaftet. Langanhaltende Trockenheit ist hier keine Ausnahmesituation, sondern mittlerweile typisch für diese Region am Rande des pannonischen Tieflandes, besonders verstärkt durch den Klimawandel mit seinen zunehmenden Wetterextremen und die jahrzehntelange Praxis Felder zu entwässern und Strukturen wie Hecken und Feldraine zu entfernen, um die Bewirtschaftung mit großen Maschinen zu ermöglichen.
Seit der Hof 2023 durch die Hofgemeinschaft neu übernommen wurde, sollte sich das grundlegend ändern, denn unser Ziel war und ist die Förderung der Biodiversität. Durch die ökologische Aufwertung der Flächen mit naturnahen Elementen wie Hecken, Teichen, Wiesen und Gehölzen, die Lebensräume für Wildpflanzen und -tiere darstellen und diese zur Wiederbesiedelung anregen sollen, und gleichzeitig aber auch die Wasserspeicherfähigkeit und den Humusaufbau fördern, sollen die Flächen Schritt für Schritt wieder lebensfreundlicher und robuster werden – für die Natur genauso wie für unsere landwirtschaftlichen Kulturen und Nutzpflanzen.
Was haben wir also gemacht? Wie in der Permakultur üblich, eine ausgiebige Ortsanalyse und eine intensive Planung, bei der wir den Fokus vor allem auf die Verbesserung von zwei Schlüsselfaktoren gelegt haben: die Erhöhung der Wasserspeicherfähigkeit der Flächen, sowie die Schaffung von Strukturen und Elementen, die die Landschaft ökologisch bereichern.
Als zentrales Element haben wir einen großen und einen kleineren Regenwasser-Speicherteich angelegt, die den Regen, der im Jahresverlauf auf die Dachflächen und versiegelten Innenhofwege des Hofes fällt, sammeln, speichern und jederzeit für alle Lebewesen verfügbar machen, die Wasser brauchen: für Frösche und Kröten, Libellen und diverse Wasserinsekten, für Vögel, Fledermäuse, Kleinsäuger, für Honigbienen und andere Insekten. Außerdem wurde eine große Zisterne eingegraben, die Regenwasser für die Bewässerung von Jungpflanzen sammelt und drei Sickergräben für das Überlaufwasser der Teiche angelegt, die bei Starkregen und in den regenreicheren Wintermonaten die langsame Versickerung des Wassers in den Boden und ins Grundwasser ermöglichen.

![20260813_111220[1] (1)](https://www.perspektive-landwirtschaft.at/wp-content/uploads/2026/08/20260813_1112201-1-300x225.jpg)
An den Grundstücksgrenzen wurden Wildsträucherhecken aus lokal angepassten Sträuchern gepflanzt, die in Zukunft Windschutz bieten, Schatten spenden, sowie Nahrung, Verstecke und Wander-Korridore für Wildtiere bieten sollen.
Auf einem ehemaligen Acker haben wir eine Streuobstwiese mit einer Vielfalt an selbst veredelten Hochstamm-Obstbäumen gepflanzt, die im letzten Jahr bereits erste Früchte lieferte und teilweise von einer befreundeten kleinen Schafherde, der Sokrates-Bande, beweidet wurde. Im Frühjahr dieses Jahres haben wir durch einen Kurs von LFI und Bio Austria den Dynamischen Agroforst kennengelernt und gleich im Kurs begonnen, eine Versuchsfläche auf unserem Hof anzulegen, auf der wir Obstbäume mit vielen anderen Pflanzen in Mischkultur gepflanzt haben.

Besonders wichtig war uns auch die Aussaat einer artenreichen Dauerwiese auf einer ehemaligen Ackerfläche, die wertvollen Lebensraum für Bodenbrüter, Kleinsäuger und Insekten bietet, und mittels einmaliger, zeitlich gestaffelter Mahd Mulchmaterial für unsere Gemüse- und Obstkulturen liefert.
Zur weiteren Erhöhung der Strukturvielfalt sind wir außerdem gerade dabei Trockensteinmauern anzulegen, ohne Mörtel geschlichtete Steinmauern, die ideale Verstecke und Nahrungsplätze für Reptilien wie Schlangen, Eidechsen und Blindschleichen, für Amphibien wie Erdkröten und für kleine Säugetiere wie Mauswiesel, sowie für unzählige Insektenarten und Spinnentiere sind und trockentoleranten, nektarspendenden Kräutern Lebensraum bieten.

Nur ein kleiner Teil der ehemaligen Ackerflächen bleibt offen für einjährige Kulturen, für Gemüse und Ackerkulturen wie Erdäpfel und Getreide, da Studien eindeutig gezeigt haben, dass diese einjährig bewirtschafteten Flächen am anfälligsten gegenüber Dürre und Erosion durch Windverfrachtung und Starkregen sind und am besten in langlebige Strukturen wie Hecken, Feldgehölze und Wiesen eingebettet sein sollten, um möglichst von ihnen geschützt zu werden und robust zu sein.
Wir haben versucht, alles so gut wie möglich machen, also mindestens so viel Aufwand in die zukunftsfähige Gestaltung der Flächen zu stecken wie in den Arbeitsbereich, der uns Geld einbringt und unsere wirtschaftliche Existenz als Landwirt*innen ermöglicht: die Produktion und der Verkauf von Jungpflanzen, Gemüse, Obst, veredelten Produkten wie Sirupen und Chilisaucen, sowie einer Auswahl an samenfestem, selbst vermehrtem Saatgut. Wir arbeiten als Vielfaltsbetrieb, betreiben im Frühling vor allem Jungpflanzenproduktion, veredeln Obstbäume, bauen danach Gemüse und Kräuter an und verarbeiten sie, ernten im Herbst das Saatgut und reinigen es und nutzen den Spätherbst und Winter, solange der Boden offen ist, für die Pflanzung von Obstbäumen und anderen Gehölzen, bis es im Jänner wieder mit der Anbauplanung für das neue Jahr losgeht. In der Kreislaufwirtschaft spielen unsere Laufenten und Hühner eine wichtige Rolle, da ihre Ausscheidungen die wichtigste Basis des Nährstoffkreislaufes sind – wir kompostieren Geflügelmist mit Getreidestroh und versorgen damit unsere Starkzehrer-Pflanzen – außerdem agiert unser Geflügel als natürliche Schädlingskontrolle für das Gemüse und liefert sehr schmackhafte Eier für die Selbstversorgung. Die Bienen der Demeter-Imkerei arbeiten fleißig als Bestäuberinnen der Obstbäume und Kräuter und auch die Hackschnitzel-Myzel-Reste aus der Pilzzucht sind wunderbare Ressourcen als Mulchmaterial und für die Kompostierung.

Meist ist der Sommer eine etwas ruhigere Zeit für uns, in der wir ein bisschen Urlaub machen können und uns Zeit für die Planung, Evaluierung und Optimierung unserer laufenden und nächsten Projekte nehmen. Aber dieser Sommer ist anders. Ganz anders…
In Teil 2 geht es weiter mit Die Dürre hat uns voll im Griff


