Kleinbäuerliche Strukturen fördern?
Dass die Bürokratie für viele Bäuer*innen eine Herausforderung ist, ist mittlerweile allseits bekannt. Aber vor allem agrarökologisch wirtschaftende kleinbäuerliche Strukturen haben es besonders schwer. Denn die Vielfalt – die Diversität – reicht weit über Schlagwörter wie Artenvielfalt hinaus: Es geht darum, Synergien zwischen verschiedenen Betriebszweigen zu nutzen, die Bodengesundheit aktiv zu fördern und den Boden zu nähren, mit der Natur zusammenzuarbeiten, sozial gerecht und fair zu wirtschaften, sowie Urprodukte zu verarbeiten und zu veredeln, auf kleinsten Flächen zu arbeiten, Direktvermarktung zur Steigerung der Wertschöpfung zu etablieren und vieles mehr.
Komplexe Höfe, kreative Lösungen
Diese Höfe sind komplexe ökologische und soziale Systeme, das Erfassen jedes einzelnen Aspekts und deren Zusammenspiel ist schwierig. Letztes Jahr durfte ich sieben Bäuer*innen im Mühlviertel mit folgenden Fragen besuchen: Was bedeutet Bürokratie für euch und wie beeinflusst sie euer Leben und Arbeiten? Die Geschichten ähneln sich, auch Lachen und Weinen liegen beim Zuhören nahe beieinander. Natürlich sind Vorschriften und Kontrolle in komplexen Lebensmittelsystemen notwendig. Trotzdem lade ich euch ein, in diese oft absurd humoristisch anmutende Realität der Bäuer*innen einzutauchen, welche die Bürokratie in der Praxis hinterlässt. GAP, AMA, SVS und die Bio-Zertifizierung zwingen uns zum Durchhalten, aber auch zu kreativen Lösungen.
Parallel zu den Jahreszeiten herrscht in der Landwirtschaft auch der Rhythmus diverser Fristen. Eine Bäuerin lässt mich wissen: „Es ist so überbürokratisch, dass man, wenn man viele Betriebszweige hat, gar nicht so intelligent sein kann, sich alles zu merken.“ Auch von anderer Seite höre ich: „Es ist oft so undurchsichtig, dass man gar nicht weiß, ob man es richtig macht.“ Über die Jahre ist für erstere aus einem Ordner ein ganzes Büro entstanden. Der Grund? Zu divers, zu viele Betriebszweige. Die Bäuerin nimmt nämlich an 25 von 26 ÖPUL-Maßnahmen teil. Von der Bäuerin zur Bürofachkraft und wieder zurück. Das Einkommen aus der Förderung? Ist im Vergleich zur letzten GAP-Periode trotzdem leicht gesunken. Die Vielfalt am Betrieb im Vergleich zum Vorjahr? An der wird ständig fleißig weiter gefeilt. Denn Bäuer*innen, denen Vielfalt und Nachhaltigkeit am Herzen liegen, tun dies sowieso. Aber seit letztem Jahr passiert es mit noch mehr bürokratischem Aufwand. Dabei tragen gerade diese Höfe zur Artenvielfalt, der Ernährungssouveränität und einer klimafitten Landwirtschaft bei. Das Risiko wird auf viele Kulturen verteilt und überall gibt es ein bisserl eine Förderung, überall eine eigene ÖPUL-Maßnahme, überall ein eigenes Formular. Aussteigen ist schwierig, die finanzielle Abhängigkeit groß. „Wenn man Landwirtschaft machen will, macht man da eben mit“, sagt mir eine dritte Stimme.

Zuerst die Papiere in Ordnung bringen
Es zeigt sich, dass die agrarökologische Diversität aber nicht nur bei der GAP schwer berücksichtigbar ist. Wer biozertifiziert arbeitet und seine Landschaft kreativ nutzt, oder sich den witterungsbedingten Gegebenheiten anpasst, weil es von der Natur gefordert wird, ist mit Hürden konfrontiert. Man kann sich aber sicher sein, wenn biologisch draufsteht: „Dann habe ich Kräuter von unserer zertifizierten Wiese geerntet. Sieben verschiedene, und ich habe sie als Rezept eingereicht, denn man muss so ein Rezept bei der Kontrollstelle einreichen. Dann wurde mir ein Datenblatt geschickt, das ich ausfüllen musste, mit den genauen Namen dieser Pflanzen. Also der botanische Name der Pflanzengattung, wie viel von der Pflanze ich verwendet habe und die Wiese, auf der sie wächst. Dann musste ich jede einzelne dieser Pflanzen zertifizieren lassen, obwohl sie auf unserer zertifizierten Wiese wachsen. Und dann muss man das Rezept mit dem zertifizierten Bio-Zucker und den Pflanzen schreiben. Und dann wird das eingereicht und zertifiziert. Und dann bezahle ich dafür. […] Und sie [die Kontrolleur*innen, Anm. der Autorin] sind wirklich mit [meinem Mann] spazieren gegangen, um zu sehen, ob sie dort wachsen.“
Diese Steigerung der Wertschöpfung über das Sammeln von wilden Kräutern von der eigenen Wiese und deren Weiterverarbeitung erscheint mir mit Blick auf eine agrar-ökologische Wende sehr sinn- und wertvoll, führt aber zu einem Hickhack der Zertifizierungen. Das wiederum führt dazu, dass die Lust an Kreativität sinkt. Man wird sich das nächste Mal gut überlegen, ob man sich das antut und ob es sich auszahlt. Was nach einer logischen Qualitätskontrolle klingt, kann auch als ein System gelesen werden, in dem die Kreativität der Bäuer*innen auf eine sehr spezifische Art kanalisiert wird: Die besten Ideen sind jene, die sich in ein normiertes Formular pressen lassen, die geplant sind, und damit es sich auszahlt, muss die Menge natürlich auch entsprechend ausfallen. Diese Vorgaben sind wohl für die Industrie gedacht, weniger für bäuerliche Betriebe. Die Marmelade, die spontan gemacht wird, weil die Marillen dieses Jahr nicht als Ganzes vermarktbar sind, wird zum Problemkind. Sie muss erst ihre Papiere in Ordnung bringen, bevor sie im Hofladen landen darf.
Sture Schwellen
Ein anderer Fall: Hohe Gemüsediversität auf kleinster Fläche, verarbeitet zu hochwertigen Gerichten im Glas. Auf diese Weise wurde ein Einkommen für zwei Personen geschaffen. Aber die Begutachtung ergab: Das Betriebskonzept ist leider einfach zu gut, die Fläche laut Versicherung einfach zu klein. Es will keiner glauben, dass ganze zwei Personen davon leben können, deshalb gibt es keine Vollversicherung. Die Versicherungswürdigkeit wird nämlich am Einheitswert oder an der Hektarzahl bemessen. Was tun? „Es sind also nur zwei Hektar eigenes Land und drei Hektar, die wir pachten. Und, ähm, das machen wir genau wegen dieser einen Regel, die immer schwer im Detail zu erklären ist. Aber der Punkt ist, dass man einfach die Schwelle von fünf Hektar braucht, um eine volle Versicherung zu bekommen.“ Auch dieses System ist unflexibel. Obwohl sie mit ihrem Einkommen beweisen konnten, dass es sich ausgeht, gibt es keinen Spielraum.
Eindeutigkeit versus Vielfalt
Die Realität kleinbäuerlicher Landwirtschaft ist schwer zu formalisieren. Sind immer rigide Kontrollen notwendig, oder können alternative Strukturen geschaffen werden, die hygienische, sichere und ökologische Standards ermöglichen? Wie könnte diese Struktur aussehen? Basiert sie auf Vertrauen der Kund*innen, auf mehr Handlungsspielraum von Kontrolleur*innen, auf einem einfacheren Punktesystem? Das Zentrum greift nach der Peripherie und erwischt sie. – Zumindest fast. Denn die Höfe in der Peripherie machen weiter mit der Vielfalt und dem „anders Sein“. Ein zentraler Befund aus meinem Besuch im Mühlviertel ist die Diskrepanz zwischen der Vielfalt des bäuerlichen Schaffens und der Eindeutigkeit der bürokratischen Vorschriften. Das System bevorzugt, was es leicht messen und integrieren kann. Die Natur selbst ist vielfältig, doch die Regeln sind oft auf ein einziges, klares Bild ausgerichtet. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Bürokratie und die bäuerliche Landwirtschaft in einem subtilen, oft ungleichen Tanz miteinander verbunden sind. Manchmal ist der Tanz anmutig und führt zu neuen Möglichkeiten, aber oft genug ist er auch eine starre Choreografie, die die Freiheit einschränkt.
Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift „Bäuerliche Zukunft“ Nr. 389, 4/2025 zum Schwerpunkt „Bürokratie“ erschienen. Nähere Infos zur Zeitschrift: hier.

