Interview: „Der Weg zum eigenen Weingut“ – Einstieg, Ausbildung, Herausforderungen und Realität des Weinbaus
Frage: Wann und wie entstand bei dir der Wunsch, Winzer zu werden? Wie dürfen wir uns diesen Anfang vorstellen?
Antwort: Ich glaube tatsächlich, dass der Ursprung sehr früh liegt. Schon als Kind war ich unglaublich neugierig, was Essen, Gerüche und Geschmäcker betrifft. In Omas Küche habe ich stundenlang experimentiert – Kochen, Backen, einfach ausprobieren. Diese Sinneseindrücke haben mich regelrecht beflügelt. Aus dieser frühen Leidenschaft für Kulinarik entstand ein Gespür für Genuss, das mich mein ganzes Leben begleitet hat. Später, im Jugendalter, kam dann die Faszination für Wein hinzu. Ein guter Wein kann so viel erzählen – über Böden, Menschen, Landschaften. Diese Entdeckung hat in mir endgültig den Traum ausgelöst, Winzer zu werden.
Frage: Wie bist du dann in Richtung Weinbau gestartet?
Antwort: Nach der Matura stand für mich fest, dass ich mein Interesse vertiefen möchte. Deshalb entschied ich mich für das Studium „Weinbau, Önologie und Weinwirtschaft“ an der Universität für Bodenkultur in Wien. Anfangs war ich ehrlich gesagt verunsichert. Ich nahm an, dass ein Großteil der Studierenden aus großen Winzerfamilien kommen würde und ich der einzige Quereinsteiger sei, der keinerlei familiären Betrieb im Rücken hat. Aber diese Sorge war völlig unbegründet. Die Gruppe war extrem vielfältig – Traditionsbetriebe, Quereinsteigerinnen, Leute aus unterschiedlichsten Regionen. Genau diese Mischung hat eine wunderbare Dynamik erzeugt. Es war ein bisschen wie in der Schule: man wächst zusammen, man unterstützt einander, man teilt die Leidenschaft für Genuss. Mit einem Kommilitonen, der ebenfalls keine familiären Wurzeln im Weinbau hatte, wuchs der Traum vom gemeinsamen Weingut sogar recht früh.

Frage: Hat euch dieser Traum durch das Studium getragen – oder kamen auch Zweifel?
Antwort: Zweifel kamen definitiv. Je tiefer wir im Studium in die Praxis, die Technik und vor allem in die wirtschaftlichen Grundlagen eingestiegen sind, desto klarer wurde uns, wie riesig die Hürden im Weinbau wirklich sind. Es geht nicht nur um Know-how, sondern um hohe Investitionen – in Flächen, Gebäude, Maschinen, Kellereitechnik. Ohne familiären Betrieb im Hintergrund ist das schlicht eine Herausforderung der Extraklasse. Parallel dazu habe ich während Praktika aber erlebt, wie unterstützend die Branche sein kann. Viele Winzerinnen und Winzer haben mir geraten, trotz aller Schwierigkeiten nicht aufzugeben. Gute Leute, die wirklich für Wein brennen, werden immer gebraucht, sagten sie. Das hat in mir den Wunsch gestärkt, weiter in der Branche Fuß zu fassen. Trotzdem habe ich mich entschieden, zuerst ein Masterstudium in Nutzpflanzenwissenschaften anzuschließen, um mir ein breiteres landwirtschaftliches Fundament zu schaffen. Mein Studienkollege strebte ein Visum für Neuseeland an, um dort in der Weinbranche zu arbeiten. Als das nicht klappte, rückte plötzlich wieder unser alter Gedanke in den Mittelpunkt: Warum nicht gemeinsam einen Betrieb aufbauen?
Frage: Wie seid ihr dann tatsächlich auf Betriebe aufmerksam geworden, die infrage kommen könnten?
Antwort: Wir haben sehr viel recherchiert und sind dabei auf „Perspektive Landwirtschaft“ gestoßen. Dort wurde uns gleich etwas sehr Ehrliches gesagt: Weinbau ist bei Hofsuchenden mit Abstand am seltensten gefragt und es gibt auch wenige hofübergebende Weinbaubetriebe. Das war natürlich ernüchternd, aber auch aufschlussreich. Bis heute hat sich daran wenig geändert. Die Gründe sind nachvollziehbar: Viele kleine Betriebe besitzen nur wenige Hektar Weinbaufläche. Diese werden bei Hofübergaben oft an Nachbarbetriebe verpachtet, weil es logistisch und finanziell am einfachsten ist. Für Quereinsteiger bedeutet eine Übernahme hingegen sehr hohe Investitionssummen, und das nötige Know-how muss ebenfalls vorhanden sein. Dazu kommt die Marktlage: Der internationale Weinkonsum sinkt. Weniger Nachfrage bedeutet geringere Absatzchancen – ein riesiges Problem für die Branche. Als Folge werden in manchen Regionen Weingärten gerodet und gar nicht mehr bewirtschaftet. Damit geht nicht nur wirtschaftliches Potenzial verloren, sondern auch Kulturlandschaft. Kurz gesagt: Der Weinbau steckt in einer massiven Krise, die es Neueinsteigerinnen extrem schwer macht, Fuß zu fassen.

Frage: Gab es dennoch konkrete Hof-Optionen für euch?
Antwort: Ja, wir wurden auf einen Weinbaubetrieb nahe Wien aufmerksam. Bei der Besichtigung wurde jedoch schnell klar, dass wir menschlich und konzeptionell nicht auf derselben Wellenlänge sind. Deshalb haben wir diese Option nicht weiterverfolgt. Ein halbes Jahr später kam dann aber eine überraschende Möglichkeit auf uns zu: Eine Studienkollegin fragte uns, ob wir Interesse hätten, die Weingärten eines Betriebes zu übernehmen, dessen Besitzer tragisch verstorben war. Wir lernten die Familie kennen und merkten schnell, dass die Chemie zunächst sehr gut passte. Es kam dann sogar das Angebot, nicht nur die Weingärten, sondern den gesamten Betrieb zu übernehmen. Über Monate hinweg schien alles in die richtige Richtung zu laufen. Wir gründeten im Mai 2019 offiziell unseren landwirtschaftlichen Betrieb und begannen mit den organisatorischen Schritten zur Pacht. Doch je näher der Übergabeprozess rückte, desto schwieriger wurde die Kommunikation. Vereinbarte Termine wurden nicht mehr eingehalten, Entscheidungen verzögerten sich, und teilweise wurden wir eher wie Angestellte behandelt. Das Vertrauen wurde immer fragiler. Als die Weinlese immer näher rückte, war klar: Wir brauchen dringend eine Alternative für die Verarbeitung.
Frage: Wie seid ihr diese Herausforderung dann angegangen?
Antwort: Ohne unser Netzwerk hätten wir es nicht geschafft. Die Kollegin, die uns überhaupt auf die Region gebracht hatte, und ihr Vater boten uns an, ihren alten Weinkeller in der Kellergasse zu nutzen. Das war eine enorme Hilfe. Das Equipment haben wir Stück für Stück gebraucht gekauft – über Plattformen, über befreundete Winzerinnen und Winzer, über Kolleginnen aus der Branche. Es hat Jahre gedauert, bis wir eine passende Ausstattung beisammen hatten. Rückblickend kann ich jedem sagen: Die Finanzierung ist die größte Hürde überhaupt. Deshalb empfehle ich immer: klein starten, Schritt für Schritt wachsen. Ja, es ist mühsam, aber das Risiko ist geringer und man schläft deutlich ruhiger.
Frage: Ihr habt euren Betrieb später auch in Richtung biologische Bewirtschaftung ausgerichtet. Was hat euch zu dieser Entscheidung geführt?
Antwort: Für uns war das ein wichtiger Entwicklungsschritt. Biologische Bewirtschaftung und „low intervention wine“ sind nicht nur ein Trend, sondern eine Philosophie. Sie haben uns neue Perspektiven eröffnet – fachlich, geschmacklich, aber auch menschlich. Durch diesen Weg hatten wir plötzlich Zugang zu einem Kollegenkreis und einem Kundensegment, das sehr offen, unterstützend und inspirierend ist. Dafür sind wir wirklich dankbar.
Frage: Wie wichtig war Unterstützung aus dem privaten Umfeld in dieser Zeit?
Antwort: Enorm wichtig. Ohne unsere Freunde und unsere Familien hätten wir diesen Weg nicht geschafft – weder körperlich noch emotional. Die Gründung und der Aufbau eines Betriebs sind eine emotionale Achterbahn: Es gibt Erfolge, aber auch viele Tiefpunkte, Rückschläge, Unsicherheiten. Man braucht eine dicke Haut und viel Geduld. Gleichzeitig gibt es Momente, die einem unglaubliche Kraft geben – die ersten eigenen Trauben im Keller, das erste Mal ein eigenes Etikett in der Hand, die erste positive Rückmeldung von Kundinnen. Diese Erlebnisse tragen einen durch die schwierigen Phasen.

Frage: Was würdest du Menschen raten, die heute darüber nachdenken, selbst Landwirt oder Winzer zu werden?
Antwort: Der Nebenerwerb ist meiner Meinung nach eine sehr gute Option, vor allem zu Beginn. Man hat die finanzielle Sicherheit des Brotberufs und kann gleichzeitig seiner Leidenschaft nachgehen. Und wer wirklich den Traum hat, Winzer zu werden, sollte ihn ernst nehmen – trotz aller Herausforderungen. Es ist ein harter Weg, aber ein erfüllender. Am Ende sind es genau die Momente der Freude und des Stolzes, die alles aufwiegen.


