Die Hofnachfolge – Tradition, Bürde und neue Wege
Die Bäuerin und Berufungscoachin Maria Pirnbacher erzählt in einem Interview mit Perspektive Landwirtschaft, was es mit Tiroler Erbhöfen auf sich hat, berichtet von ihren persönlichen Erfahrungen während der Hofübernahme und weshalb es wichtig ist, über die eigenen Bedürfnisse zu sprechen.
Das Tiroler Höfegesetz und die Bedeutung des Erbhofs
Nathalie: Maria, du sprichst den Erbhof an, und ich war überrascht zu erfahren, dass dies durch ein Landesgesetz geregelt ist. Kannst du uns mehr darüber erzählen?
Maria: Ja, das ist das Tiroler Höfegesetz. Es ist ein Landesgesetz, das besagt, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb nur als geschlossene Einheit weitergegeben werden darf. Das bedeutet, man kann den Hof nicht aufteilen – Felder, Wald und Gebäude müssen zusammen übergeben werden. Der Erbhof ist davon zu unterscheiden. Er ist ein Titel, der vom Land Tirol verliehen wird, wenn ein Hof mindestens 200 Jahre lang von einer Generation zur nächsten in der Familie weitergegeben wurde. Man erhält dann eine Erbhoftafel, die am Landesfeiertag in Tirol, dem 15. August, verliehen wird. Diese Auszeichnung ist eine Ehre aber kann auch zur Bürde werden. Obwohl es nicht unbedingt sein muss, war es für meinen Vater ein großer Wunsch, dass auch der Familienname am Hof derselbe bleibt und so hat mein Mann meinen Namen angenommen – eine bewusste Entscheidung im Sinne der Tradition.
Nathalie: Wenn eine Frau als Hofübernehmerin den Namen ihres Mannes annimmt, würde der Erbhofstatus verloren gehen? Gibt es viele Erbhöfe in Tirol?
Maria: Nein, wenn sich der Familienname ändert, hat das nichts mit dem Erbhofstatus zu tun. Es geht nur um das Weitervererben in gerader Linie innerhalb der Familie. Jedes Jahr kommen neue Erbhöfe dazu. Zurzeit gibt es, nach Angaben der Tiroler Landesregierung in Nord und Osttirol ca. 1000 Erbhöfe. Früher kam es häufiger vor, dass Höfe verpfändet wurden oder wirtschaftlich nicht überlebten. Besonders in Kriegszeiten gab es oft Brüche in der Familienlinie, wenn Männer nicht mehr zurückkehrten. Viele Höfe konnten so nicht durchgängig weitergegeben werden.
Es ist natürlich schwierig, wenn man feststellt, dass niemand in der Familie den Hof weiterführen möchte. Die Vorgängergenerationen mahnen oft: „Sei nicht der oder die Letzte, der die Hoftür zumacht.“ Deshalb ist es so wichtig, sich zu öffnen, damit die Hoftüren offen bleiben. Man muss bereit sein für Neues, damit Veränderung geschehen kann.
Die persönliche Hofübernahme – Zwischen Erwartungen und eigenen Wünschen
Nathalie: Ein spannendes Thema. Bei dir war die Übernahme ja auch ein wichtiger Schritt. Hast du Geschwister, oder war immer klar, dass du den Hof übernehmen würdest?
Maria: Ich habe keine Geschwister und im Grunde habe ich diesen Weg eingeschlagen, um meine Eltern zufriedenzustellen. Ich habe mir nie die Frage gestellt, ob ich das wirklich will – es war einfach so. Ich hatte nicht die Kraft zu sagen: „Eigentlich will ich das nicht.“ Die Enttäuschung der Eltern wäre zu groß gewesen, besonders da niemand sonst da war. Wer das erlebt hat, weiß, wie stark man durch die eigene Sozialisierung geprägt ist. Ich habe es also einfach gemacht, ohne je wirklich darüber nachzudenken, ob es mein eigener Wunsch war.
Nathalie: Wurde also nicht offen darüber gesprochen, oder war die Entscheidung von Anfang an klar?
Maria: Ja, es war irgendwie klar. Und ich glaube, genau das macht es für viele so schwer, sich bewusst zu entscheiden – besonders, wenn man eigentlich etwas anderes machen möchte. Man sieht das ganze Leben lang, wie viel die Eltern für den Betrieb opfern. Da fällt es schwer, zu sagen: „Ich möchte etwas anderes.“ Besonders, wenn man selbst eine enge Bindung zum Hof hat.
Es sprechen nicht nur die Eltern mit – bei mir haben auch die Großeltern und die Geschwister meines Vaters ihre Meinung geäußert. Man hört Sprüche wie: „Wie soll das weitergehen, wenn nur ein Mädchen da ist?“ Man nimmt all das in sich auf, und die Entscheidung wird einem abgenommen, oft ohne, dass man es wirklich will. Deshalb ist es so wichtig, offen darüber zu sprechen und nicht alles in sich hineinzufressen. Man muss sagen dürfen: „Es gibt auch andere Wege, und das ist völlig in Ordnung.“ Man ist deshalb kein schlechter Mensch. Man kann auch etwas anderes machen.
Ich finde, der Grat ist sehr schmal – auch wenn ich an unsere Kinder denke. Sie sollen sich selbst entfalten dürfen. Ich möchte sie so erziehen, dass sie ihren eigenen Weg gehen, aber trotzdem eines Tages auf ihre Art den Erbhof weiterführen. Natürlich hofft man, dass es weitergeht – das ist menschlich. Man trägt diese Sozialisierung in sich. Ich merke, dass sich das in der Familie fortsetzt. Aber es ist wichtig, nicht zu eng zu denken: Sie dürfen sich selbst entdecken und wenn sie wollen, dürfen sie den Hof weiterführen. Die Frage ist: Wie viel Offenheit bringe ich mit, damit sie auch komplett etwas anderes machen dürfen? Und das ist völlig okay.
Hofnachfolge – Herausforderungen und die Rolle der nächsten Generation
Nathalie: Bei deinen drei Söhnen scheint das Thema Hofnachfolge geklärt zu sein, obwohl oft die Situation entsteht, dass die Eltern eine klare Vorstellung haben, wer übernehmen soll, die Kinder sich aber uneinig sind. Ich kenne einen Fall, wo fünf Kinder da waren, aber nur zwei Söhne Interesse an der Landwirtschaft hatten. Der Hof war jedoch zu klein, damit zwei Söhne davon leben könnten. Da es keine Perspektive gab, gehen beide Söhne nun andere Wege, und am Ende steht der Hof vielleicht ohne Nachfolge da.
Maria: Deshalb ist es so wichtig, solche Themen frühzeitig anzusprechen. Man muss Entscheidungen treffen. Und als Kind weiß man oft, dass man den Hof nicht zu zweit führen kann oder zumindest eine gemeinsame Lösung finden muss, vielleicht durch die Gründung einer Gesellschaft. Aber wenn man nicht offen darüber redet, nicht kommuniziert oder frühzeitig sagt: „Wir haben diese Vorstellungen – wie können wir uns da treffen?“, dann wird es schwierig. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht. Je offener man das Thema behandelt, desto leichter wird es. Wenn man hingegen nie spricht und alles in sich hineinfrisst, spitzt sich die Situation irgendwann zu.
Meine Eltern wünschten sich natürlich noch weitere Kinder und von Herzen einen Sohn. Aber es hat leider nicht mehr sein wollen. Mein Vater heißt Kaspar, und sie hätten sich einen „kleinen Kaspar“ gewünscht. Es tut natürlich weh, wenn man merkt, dass man eigentlich nie gut genug ist, weil man einfach das falsche Geschlecht hat. Als unser erster Sohn, Christoph, geboren wurde, war vom ersten Moment an klar: Er ist der Hoferbe. Als Kind spürt man genau, was man tun muss, um Anerkennung zu bekommen. Wenn man gerne im Stall ist und das zeigt, bekommt man mehr Anerkennung, als wenn man lieber im Haus ist oder mit Puppen spielt. Das war einfach so. Es wurde sehr früh klargemacht: Christoph ist der Hoferbe. Die beiden anderen Kinder wurden anders behandelt. Ich weiß nicht, ob es anders gekommen wäre, wenn man den Zweiten genauso gefördert hätte wie Christoph, aber so war es eben nicht. Er war immer eher für andere Dinge zuständig. Somit war von Anfang an klar: Christoph übernimmt den Hof. Er ist der Erstgeborene.
Nathalie: Aus Sicht deiner Eltern war das also völlig klar?
Maria: Ja, besonders mein Vater hat ihn stark geprägt. Er hat ihm vieles gezeigt, ihn überall mitgenommen. Christoph hat gleich ein eigenes Kalb bekommen, wie es oft der Fall ist, wenn Kinder auf einem Hof aufwachsen. Ich will damit nicht sagen, dass das schlecht ist, es war einfach der Weg, den er gegangen ist. Heute versuche ich ganz bewusst, ihm viel Freiheit zu geben. Christoph ist mittlerweile Landesobmann der Landjugend, ist viel unterwegs und politisch aktiv. Es ist mein großer Wunsch, dass er sich selbst entdecken darf, dass er wirklich frei entscheiden kann.
Nathalie: Nur um das noch einmal klarzustellen: Bei dir selbst war das nie ein Thema? Du hast nie überlegt, ob du etwas anderes machen möchtest? Was wäre dein Traumberuf gewesen?
Maria: Aber natürlich! Ich wäre wahnsinnig gern Lehrerin geworden. Das war mein absoluter Traumberuf.
Und das Spannende ist ja: Das Umfeld prägt einen sehr stark mit. Es sind ja nicht nur die Eltern – auch Lehrer*innen zum Beispiel tragen viel zur Sozialisierung bei. Du wirst nie gefragt: „Was willst du eigentlich wirklich?“ Es ist einfach selbstverständlich, dass du in eine bestimmte Richtung weitermachst. Bei mir war das ganz normal. Ich war in dieser Rolle drin, und es war sonst niemand da. Also war es logisch, dass ich weitermache ohne je wirklich bewusst gefragt zu werden.
Deshalb finde ich es so wichtig, dass man auch in den Landwirtschaftsschulen wirklich einmal nachfragt: „Was willst du wirklich?“ Denn ein Veränderungsprozess bedeutet ja nicht automatisch, dass man den Hof aufgibt. Man kann ihn ja auch ganz anders gestalten.
Die persönliche Berufung – Sich selbst besser kennenlernen und auf die eigenen Bedürfnisse schauen
Nathalie: Du bist ausgebildete Berufungscoachin. Was ist das genau und was waren deine Beweggründe für diese Ausbildung?
Maria: Der Beweggrund war tatsächlich ganz persönlich. Dabei habe ich gemerkt, dass das Thema Veränderung – oder besser gesagt: Was macht mich als Mensch auf dem Hof aus? – kaum angesprochen wird. Man sieht den Hof als festen Rahmen: Er ist halt so, wie er ist. Aber die Menschen, die dort leben, stellen sich selten die Frage: Was macht mich aus? Was sind meine Stärken, meine Visionen, meine Talente? Was brauche ich, damit es mir gut geht?
Ein Schlüsselmoment war für mich das Jahr 2015. Damals gab es mehrere schwere Ereignisse in meinem Umfeld. Infolgedessen habe ich gemerkt: Ich muss jetzt wirklich etwas verändern. Dann hat sich bei uns in der Diözese die Möglichkeit ergeben, eine Ausbildung zur Berufungsbegleiterin zu machen.
Der Begründer der Berufungsausbildung WaVe (Wachstum und Veränderung), Univ.Prof. Dr. Alexander Kaiser, begleitet seit über 25 Jahren Unternehmen und Teams – mit dem Ziel, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich entfalten können. Er hat auch an der Wirtschaftsuniversität Wien mit Studierenden gearbeitet und erkannt, wie wichtig es ist, den eigenen Weg zu finden und am „richtigen Platz“ zu wirken.
In der Ausbildung haben wir gelernt, Menschen zu begleiten, damit sie sich selbst besser kennenlernen oder auch neu erfinden können. Denn das ist ein wichtiger Punkt: Man darf sich selbst kennenlernen, ja – aber man muss sich auch ein Stück weit neu erfinden. Es reicht nicht, nur zu denken – man muss handeln, Erfahrungen machen, sich auf den Weg machen. Sonst verändert sich nichts.
Nathalie: Inwiefern kann dieses Thema Berufung für Bäuerinnen und Bauern von Bedeutung sein? Und wie kann man herausfinden, ob das, was man macht, auch wirklich das ist, was man machen möchte?
Maria: Mein Zugang ist, dieses Thema überhaupt einmal zum Thema zu machen, darüber zu sprechen und niederschwellige Angebote zu schaffen, damit sich Menschen auf den Weg machen können.
Ich begleite mittlerweile einige Frauen in so einem Prozess und ich sehe, wie viel sich schon verändert, wenn sie einen Gedanken zulassen.
Ein Beispiel: Eine Frau wollte immer schon ein Buch schreiben. Sie hat ein sehr bewegtes Leben hinter sich, kann unglaublich gut schreiben, aber sie hat sich nie getraut, zu Hause zu sagen, dass sie dafür gerne einen eigenen Laptop hätte, dass sie sich täglich eine Stunde nur zum Schreiben nehmen möchte. Das kam erst im Prozess zum Vorschein. Ich sagte zu ihr: “Sag es doch einfach einmal laut daheim!” und die Reaktion war: „Warum hast du das nicht früher gesagt?“
Es sind oft genau diese kleinen Dinge, die man ändern kann. Es geht ja nicht darum, gleich sein ganzes Leben umzukrempeln. Ich verwende da gern das Bild einer Kegelbahn: Wir haben einen Rahmen, innerhalb dessen wir uns bewegen können, und in diesem Rahmen gibt es Spielraum, aber den muss ich auch nutzen.
Deshalb ist Kommunikation so wichtig. Das wiederholt sich wie ein roter Faden. Ich sehe da auch gerade uns Frauen in einer Schlüsselrolle. Wir tun uns oft leichter, über Gefühle zu sprechen und über persönliche Themen. Deshalb sehe ich auch die Bäuerinnenorganisation in einer besonderen Verantwortung: Reden wir über diese Dinge und zwar nicht erst dann, wenn es uns psychisch schon richtig schlecht geht, sondern früher. Zum Beispiel dann, wenn eine Hofübergabe bevorsteht.


