Die globalen Nachhaltigkeitsziele: Können wir das Ruder noch herumreißen?
Wie unsere Vorfahren die Bodenseefischerei gerettet haben und was wir von ihnen lernen können
Um das 14. Jahrhundert herum waren die Fischbestände im Bodensee, vor allem die Felchen, dramatisch zurückgegangen. Viele Fischer holten immer kleinere Fänge aus dem Wasser, manche fürchteten bereits um ihre Existenz. Der See, von dem ganze Gemeinden lebten, schien seine Grenzen erreicht zu haben. Wenn weiterhin jeder so viel fing wie möglich, drohte der wichtigste Speisefisch der Region zu verschwinden. Die Menschen rund um den Bodensee standen damit vor einem Problem, das bis heute aktuell ist: Wie schützt man eine gemeinsame Ressource davor, ausgebeutet zu werden?
Fischer und Gemeinden rund um den Bodensee setzten sich zusammen und beschlossen gemeinsam, wie viel gefischt werden durfte und wann die Netze im Wasser bleiben mussten. Sie führten Schonzeiten ein, legten Mindestgrößen für Fische und Maschenweiten für Netze fest und bestraften Verstöße. So sollte verhindert werden, dass einzelne kurzfristig profitieren und am Ende alle ihre Lebensgrundlage verlieren.

Am Ufer des Bodensees bei Konstanz – Der Bodensee kämpft heute vor allem mit den Folgen des Klimawandels, dem Rückgang der Fischbestände, invasiven Arten sowie Nutzungskonflikten zwischen Tourismus, Wirtschaft und Naturschutz.
Heute stehen wir vor ähnlichen Problemen, Ressourcen auf unserem Planeten wie der Boden und die Artenvielfalt sind stark bedroht. Wieder geht es um unsere Lebensgrundlage, die wir verlieren könnten. Aber anders als im Mittelalter können wir das Problem nicht mit unseren drei Nachbardörfern lösen, auch nicht in der Region oder national. Unsere Wirtschaft ist globalisiert, wir kaufen und verkaufen Produkte in aller Welt. Der Tisch, an dem wir als Menschheit uns gemeinsame Regeln geben, muss sehr groß sein. Obwohl lokale Lösungen für eine ökologisch verträgliche Wirtschaft genauso wichtig sind, brauchen wir globale Orte der gemeinsamen Aushandlung, um unsere Ressourcen zu schützen.
2015 wurden die “Globalen Nachhaltigkeitsziele”, in englisch “Sustainable Development Goals (SDGs) von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen beschlossen. Die SDGs sind das Ergebnis eines der breitesten internationalen Beteiligungsprozesse der letzten Jahrzehnte. Millionen Menschen weltweit – aus Landwirtschaft, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft – haben ihre Ideen und Gedanken in einen offenen Prozess eingebracht, sie sind damit kein fertiges Rezept, das uns von oben aufgesetzt wird, sondern ein gemeinsam entwickelter Rahmen, der Orientierung gibt und den die Länder lokal ausgestalten können.
Ihr Anspruch ist umfassend: Armut beenden, Hunger bekämpfen, Bildung fördern, Gleichstellung erreichen, natürliche Ressourcen schützen und den Klimawandel begrenzen. Kaum ein Bereich ist dabei so zentral wie die Landwirtschaft. Sie steht an der Schnittstelle von Ernährungssicherheit, Ressourcennutzung, Biodiversität, Klimaschutz und regionaler Entwicklung. Die Frage, wie wir Landwirtschaft betreiben – und wer Zugang zu Land hat –, entscheidet maßgeblich darüber, ob die SDGs erreicht werden können. Die außerfamiliäre Hofübergabe spielt in diesem Kontext eine wichtige Rolle: Sie ermöglicht neuen Menschen den Einstieg in die Landwirtschaft und eröffnet Wege zu einer nachhaltigeren Bewirtschaftung.
SDG 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden
11.a Durch eine verstärkte nationale und regionale Entwicklungsplanung positive wirtschaftliche, soziale und ökologische Verbindungen zwischen städtischen, stadtnahen und ländlichen Gebieten unterstützen
Die Sicherung der Nachfolge landwirtschaftlicher Betriebe bedeutet die langfristige Ansiedlung junger Familien im ländlichen Raum. Gerade von Abwanderung betroffene Gemeinden können durch den Zuzug mit höherer Wertschöpfung der ansässigen Unternehmen und der Sicherung von Arbeitsplätzen rechnen. NeueinsteigerInnen in die Landwirtschaft sind oft Brückenbauer zwischen ihrer städtischen Herkunft und ihrer ländlichen Wahlheimat. Sie halten und verstärken die Verbindungen durch die Versorgung der Städte und die Vermittlung von Wissen über Landwirtschaft. Gerade in Krisenzeiten zeigt sich, wie wichtig wirtschaftliche, soziale und ökologische Verbindungen zwischen dem städtischen und dem ländlichen Raum sind.
Mehr Wertschätzung für landwirtschaftliche Erzeugnisse kann durch einen lebendigen Austausch zwischen städtischem und ländlichem Raum gefördert werden. Wir brauchen eine Gesellschaft, die Bäuerinnen und Bauern für ihre Arbeit wertschätzt und um den Arbeitseinsatz und die Kosten der Erzeugung hochwertiger Lebensmittel weiß. Bewusste KonsumentInnen mit direkter Verbindung zu den ProduzentInnen sind auch bereit, für regionale und nachhaltige Lebensmittel einen fairen Preis zu bezahlen und sich für bessere politische Rahmenbedingungen regionaler Lebensmittelproduktion einzusetzen.

SDG 12: Verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster
12.2 Bis 2030 die nachhaltige Bewirtschaftung und effiziente Nutzung der natürlichen Ressourcen erreichen
12.3 Bis 2030 die weltweite Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene halbieren und die entlang der Produktions- und Lieferkette entstehenden Nahrungsmittelverluste einschließlich Nachernteverlusten verringern
12.4 Bis 2030 sicherstellen, dass die Menschen überall über einschlägige Informationen und das Bewusstsein für nachhaltige Entwicklung und eine Lebensweise in Harmonie mit der Natur verfügen
Die Nahversorgung durch Bäuerinnen und Bauern in peripheren Gemeinden reduziert lange Transportwege und den Verbrauch fossiler Energie. Um eine sichere Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen und resilient auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren, ist auf viele und vielfältige landwirtschaftliche Betriebe zu setzen. Hierbei beweist die kleinbäuerliche Landwirtschaft eine hohe Effizienz: Nahrungsmittel werden nicht für einen anonymen Weltmarkt produziert, der womöglich die Erzeugnisse durch Überproduktion nicht brauchen kann, sondern direkt für EndkundInnen oder regionale weiterverarbeitende Betriebe. So können Verluste entlang der kurzen Produktions- und Lieferkette verringert werden.
Grund und Boden ist eine kostbare nicht vermehrbare Ressource. Der Zugang zu Land für sozial und ökologisch verträgliche Landwirtschaft ist erschwert, da hohe Bodenpreise am freien Markt und niedrige Einkommen aus der kleinbäuerlichen Landwirtschaft weiter auseinander driften. Hier braucht es ein Werkzeug, um den Zugang zu Land nicht nur finanzstarken KäuferInnen zu ermöglichen, die Boden als Anlageobjekt oder zur Verbauung nutzen, sondern LandwirtInnen, die den Boden offen und lebendig halten und Lebensmittel produzieren.
Ein zentraler Bestandteil kleinbäuerlicher Landwirtschaft rund um den Globus ist der Stellenwert von Kooperation. Mehr Kooperation fördert den effizienten Einsatz von Ressourcen, indem Mittel geteilt und nicht ständig neu gekauft werden müssen.
SDG 13: Maßnahmen zum Klimaschutz
13.1 Die Widerstandskraft und die Anpassungsfähigkeit gegenüber klimabedingten Gefahren und Naturkatastrophen in allen Ländern stärken
13.3 Die Aufklärung und Sensibilisierung sowie die personellen und institutionellen Kapazitäten im Bereich der Abschwächung des Klimawandels, der Klimaanpassung, der Reduzierung der Klimaauswirkungen sowie der Frühwarnung verbessern
Bauern und Bäuerinnen können einen wichtigen Beitrag leisten, um globalen Krisen mit lokalen Lösungen zu begegnen und mit ökologischen Anbaumethoden zur Verringerung des CO2 Ausstoßes beizutragen. Sie sind die ersten, deren gesamtes Einkommen von klimatischen Bedingungen abhängig ist. Zahlreiche Bauernhöfe bekommen NachfolgerInnen, die unterschiedliche Nahrungsmittel produzieren und mit neuen Formen der Vermarktung experimentieren. Die vermehrte regionale Verteilung trägt zur Verringerung langer Transportwege und intelligenter Logistik bei.
Wird der Betrieb geschlossen, gehen mit ihm Erfahrungswerte und traditionelles Wissen verloren. Viele überlieferte Methoden in Bereichen wie Saatgutanzucht, Bodenaufbau oder dem Einsatz von Arbeitstieren wurden nicht weiterentwickelt, da sich durch leicht verfügbare fossile Energie andere Möglichkeiten boten. Jetzt ist es umso wichtiger, das verbliebene „indigene Wissen“ zu erhalten. Durch die Weitergabe des Betriebes an außerfamiliäre HofübernehmerInnen oder eine gemeinsame Bewirtschaftung unterschiedlicher Generationen gehen wertvolle traditionelle Methoden der Produktion und Verarbeitung auf die nächste Generation über. Dadurch wird ein enormer Wissensaustausch gefördert, tradiertes Wissen kann mit neuer Technik weiterentwickelt werden für eine Landwirtschaft, die möglichst viel Kohlenstoff bindet.
SDG 15: Leben am Land
15.1 – Ökosysteme schützen, wiederherstellen und nachhaltig nutzen, insbesondere Wälder, Feuchtgebiete, Berge und trockene Gebiete.
15.5 – Verlust der biologischen Vielfalt stoppen, bedrohte Arten retten und ihr Überleben sichern.
15.9 – Integration von Ökosystem- und Biodiversitätswerten in Politik, Wirtschaft und Entwicklung sicherstellen.
Das Ziel SDG 15 – Leben an Land rückt etwas ins Zentrum, das im Alltag oft selbstverständlich wirkt: die Grundlage unseres Lebens – fruchtbare Böden, vielfältige Landschaften und funktionierende Ökosysteme. Böden sind dabei mehr als Produktionsfläche. Sie speichern Wasser, binden Kohlenstoff und sind Lebensraum für unzählige Organismen. Eine nachhaltige Bewirtschaftung – etwa durch vielfältige Fruchtfolgen, schonende Bodenbearbeitung oder den Aufbau von Humus – schützt diese Funktionen langfristig. Wird Boden hingegen übernutzt oder versiegelt, geht nicht nur Ertragspotenzial verloren, sondern auch ein zentraler Baustein ökologischer Stabilität.
Eng damit verknüpft ist die Biodiversität. Eine vielfältige Agrarlandschaft mit Hecken, Wiesen, Streuobstbeständen und unterschiedlichen Kulturen bietet Lebensraum für Insekten, Vögel und Pflanzen. Diese Vielfalt ist kein „Nice-to-have“, sondern Grundlage funktionierender Systeme – etwa für Bestäubung, natürliche Schädlingsregulation und stabile Erträge.
Hier wird deutlich: Landwirtschaft gestaltet Biodiversität aktiv mit – im Positiven wie im Negativen.
Der Begriff der Kulturlandschaft bringt beide Aspekte zusammen. Landschaften in Europa sind seit Jahrhunderten durch landwirtschaftliche Nutzung geprägt. Gerade kleinstrukturierte, vielfältige Bewirtschaftungsformen haben jene Landschaftsbilder hervorgebracht, die heute oft als besonders wertvoll gelten – ökologisch wie kulturell.
Wenn Betriebe aufgegeben werden oder Flächen intensiviert und vereinheitlicht werden, verändert sich diese Kulturlandschaft grundlegend. Vielfalt geht verloren – ökologisch wie sozial. Umgekehrt kann eine bewusste Weiterführung von Höfen dazu beitragen, genau diese Vielfalt zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Die außerfamiliäre Hofübergabe bekommt damit eine zusätzliche Bedeutung: Sie sichert nicht nur Produktion, sondern auch Pflege und Entwicklung von Landschaft. Neue BewirtschafterInnen bringen oft neue Ideen für biodiversitätsfördernde Maßnahmen mit – von Agroforstsystemen bis zu extensiver Weidehaltung – und verbinden diese mit bestehenden lokalen Kenntnissen.
Außerfamiliäre Hofübergabe als Beitrag zu den Nachhaltigkeitszielen
Werden wir es als Menschheit schaffen, die Kräfte zu beherrschen, die wir selbst entfesselt haben? Es ist praktisch, Produkte in aller Welt kaufen und verkaufen zu können, die Globalisierung hat uns großen Wohlstand gebracht, aber können wir auch ihre Schattenseiten bewältigen? Ob wachsende Ungleichheit, Umweltzerstörung oder Klimawandel, die Frage ist, ob es uns gelingt, gemeinsame Probleme auch gemeinsam zu lösen und Verantwortung über nationale Grenzen hinaus zu übernehmen.
So wichtig globale Rahmenbedingungen und Regeln sind, so wichtig sind auch lokale Initiativen zur Umsetzung der SDGs. Also zurück nach Österreich, das sich mit der Schweiz und Deutschland den Bodensee teilt: Ähnlich wie in unseren Nachbarländern sperren hierzulande täglich 9 Bauernhöfe zu. Etwas läuft schief in unserem Lebensmittelsystem und an unserem Umgang mit dem Boden. Wir brauchen aber Höfe, um eine vielfältige und resiliente Landwirtschaft zu bewahren. Diese ist wiederum ein wichtiger Baustein in der Umsetzung der globalen Nachhaltigkeitsziele. Die außerfamiliäre Hofübergabe ermöglicht neue Zugänge zu Land, bringt frische Ideen in bestehende Strukturen und verbindet Generationen, Wissen und Lebensrealitäten.
Unsere Vorfahren hätten die technischen Möglichkeiten gehabt, den Bodensee leer zu fischen. Sie haben stattdessen über Jahrhunderte gezeigt, dass es möglich ist, Lebensgrundlagen zu schützen. Mögen sie auf uns herabschauen und sich freuen, dass auch wir endlich das Ruder herumgerissen haben.


